You Can’t Run Forever

Blu-ray Review

Leonine Distribution, 12.07.2024

OT: You Can’t Run Forever

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Familienzusammenkunft

J.K. Simmons macht als Serienkiller Jagd auf eine Teenagerin.

Inhalt

Was will der Kerl?

Miranda hat eine schwere Zeit hinter sich, die sie nicht selten damit kompensiert, auf einen hohen Baum im Garten zu klettern. Trotzdem es ein Jahr her ist, dass sich ihr Vater erhängt hat, kommt die Teenagerin mit dem Verlust nicht zurecht. Das Bäumeklettern geschieht sehr zum Missfallen ihrer Mutter Jenny, die von Eddie, ihrem neuen Partner, schwanger ist. So richtigen Zugang finden beide gerade nicht zu der Teenagerin, aber als Eddie noch mal losmuss, schlägt Jenny vor, dass er Miranda mitnimmt und vielleicht ein bisschen zu ihr durchdringt. Während ihrer Fahrt machen sie Bekanntschaft mit einem seltsamen Typen auf einem Motorrad, der auf einer öffentlichen Toilette seltsame Sprüche abgibt. Kaum sitzen Eddie und Miranda wieder im Auto, taucht der Kerl hinter ihnen wieder auf. Was die zwei nicht wissen: Wade, so heißt der Biker, hatte kurz zuvor drei Menschen an einer Tankstelle eiskalt erschossen. Und kaum an der Seite von Eddies Fahrzeug aufgetaucht, gibt er erneut mehrere Schüsse ab. Miranda kann nach dem Stillstand des Autos in größter Not in den angrenzenden Wald flüchten. Doch Wade nimmt sofort die Verfolgung auf …

Miranda flüchtet in den Wald

Es ist an der Zeit, eine Lanze zu brechen. Eine Lanze für einen Darsteller, der zu meinen Top-Drei-Schauspielern gehört (neben Bill Nighy und Sir Patrick Stewart): Jonathan Kimble (J.K.) Simmons. Der vielbeschäftigte Akteur (die imdb führt derzeit rund 230 Titel, die unter seiner Beteiligung stattfanden) ist schon deshalb immer ein Ereignis, weil er so ein Charakterkopf ist und stets mit voller Leidenschaft agiert. Wer gerne im O-Ton schaut, kennt zudem noch eine weitere Qualität des Akteurs: seine Stimme. Nicht umsonst kann man diese in unzähligen Sprechrollen hören: vom kriegswütigen Kai in Kung-Fu Panda 3 über Spielzeugmacher Klaus im gleichnamigen Netflix-Animationsfilm bis zu unzähligen Videospiel-Charakteren. Und ja, er hat auch schon fiese Charaktere gespielt. Solche, die sarkastisch oder zynisch mit ihren Mitmenschen umgehen. Unvergessen sind bspw. seine wenig zimperlichen Rollen als Chefredakteur J.J. Jameson vom Daily Bugle in Spider-Man oder als Schlagzeuglehrer in Whiplash. Meist jedoch agiert er als freundlicher Nebendarsteller. Oft als Polizist, aber auch in Rollen innerhalb von Behörden oder als Familienvater. Was er aber hier schon nach nicht einmal vier Minuten abfackelt, ist Michael Douglas in Falling Down im Quadrat. Dieser J.K. Simmons in der Rolle des Wade kennt keinerlei Gnade. Ohne Skrupel und ohne sich in irgendeiner Form vor der Öffentlichkeit zu verbergen, knallt er praktisch jede und jeden ab, die das Schicksal vor seine Nase führt. Und als sei das noch nicht genug, gibt er sich noch sexueller Lust hin, während einer der soeben von ihm Getöteten neben ihm im Auto sitzt. Das Drehbuch, das Regisseurin Michelle Schumacher mit Carolyn Carpenter gemeinsam geschrieben hat, spart nicht mit Details, den Antagonisten des Films möglichst widerlich und unbarmherzig zu porträtieren.

Wade ist ihr auf der Spur

Dabei darf man sich fragen, wie es die Filmemacherin und ihr Hauptdarsteller am Set wohl empfunden haben mögen. Denn der Titel, unter dem dieses Review steht, bezieht sich nicht etwa auf den Filminhalt, sondern darauf, dass sich in You Can’t Run Forever mit J.K. Simmons, Michelle Schumacher sowie Joe und Olivia Simmons die komplette Simmons-Familie ein Stelldichein gibt. Schumacher, die seit 1999 mit J.K. in einer Partnerschaft lebt, inszeniert also ihren eigenen Mann als mord- und auch sonst lüsternen Soziopathen, der er mit ziemlicher Sicherheit im wahren Leben nicht ist. Derweil darf Tochter Olivia in einer Nebenrolle agieren und Sohn Joe den Soundtrack beisteuern. Um es komplett zu machen: Simmons‘ Schwager Randle Schumacher hat das Ganze produziert. Das macht schon den Anschein, als hätte man die kreative Schöpfungskraft der Familie gebündelt und das Ganze vor allem auch logistisch und finanziell im Rahmen gehalten. Dazu kommt, dass die Hälfte des Films im Wald stattfindet – einen günstigeren Drehort findet man in der Regel nicht. Rein inszenatorisch und filmisch macht You Can’t Run Forever aus diesem Schauplatz letztlich aber zu wenig. Und wenn etwas Dynamik reinkommt, dann wird’s mitunter nervig. Denn als sich Miranda irgendwann orientierungslos auf einer Lichtung einfindet, dreht die Kamera dermaßen oft um die Darstellerin herum, dass auch demjenigen, der gerade mal für eine Minute auf der Toilette war, noch auffällt, dass sie nicht mehr weiß, wo sie ist und wohin sie muss. Wirklich schade ist aber vor allem, dass der Film praktisch nichts aus seinem Szenario macht. Es gibt während der kompletten Waldszenario-Anteile (und das macht gut eine Stunde des Films aus) lediglich einen Spannungshöhepunkt. Gerade die Verfolgung zwischen Wade und Miranda hätte man ausgiebig für Hab-dich-Momente oder Situationen, in denen die beiden unwissentlich nahe beisammen sind, nutzen können.

Kurze Erholung

Pluspunkte sammelt You Can’t Run Forever indes durch seine beiden jungen Novizen im Sheriffs Department Grain Hills. Zwar sind die zwei noch komplett grün hinter den Ohren, werden aber nicht als dumm-dämlich charakterisiert, sondern als ernsthaft-ambitioniert und vor allem einfühlsam. Das ist eine willkommene Abwechslung im sonst üblichen Klischeebild der Beamten, die genau deshalb hier so deutlich angenehm auffällt. Und natürlich ist J.K. Simmons auch als Killer überzeugend. Am Ende ist es nicht er, der den Film ausbremst, sondern die Inszenierung seiner Frau Michelle Schumacher. Simmons selbst tut sein Möglichstes, um entsprechend diabolisch und unbarmherzig rüberzukommen. Das macht er gut, das macht er überzeugend und man nimmt es ihm ab. Ob man die später zur Verfügung gestellte Erklärung für sein Verhalten als ausreichend für seine Taten hält oder nicht, bleibt dann wiederum jedem selbst überlassen. Schade ist am Ende aber vor allem, dass Story, Schauspieler und Schauplätze mehr Potenzial gehabt hätten.

Preis: 14,99 €
(Stand von: 2024/07/16 1:32 am - Details
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Studio:
Format: Blu-ray
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Erscheinungstermin: Fri, 12 Jul 2024
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Bild- und Tonqualität

Wade fackelt nicht lange

You Can’t Run Forever wurde digital gedreht. Zum Einsatz kam vor allem eine, bzw. zwei ARRI Alexa Mini(s). Allerdings wurde im Anfangs-Shot wohl auch eine Drohne verwendet und deren Aufnahmen sind erst einmal gruselig ruckelnd. Mit Mühe kann man sich auf das Motorrad fokussieren, während die Baumwipfel massiv vor sich hin rucken. Da es aber in der Folge nicht mehr häufig zu Drohnen-Sequenzen kommt, lässt sich das auf die Laufzeit bezogen noch verschmerzen. Insgesamt ist der Look ein wenig schmutziger, weniger glatt-digital als man es von Hochglanzproduktionen kennt. Der Story, die über weite Strecken draußen, bzw. im Wald spielt, ist das dienlich. Immerhin werden die beiden Filmcharaktere auch immer schmutziger und dreckiger, je länger der Film andauert. Zunächst fällt allerdings auch auf, dass einige der anfänglichen Szenen sehr hell und etwas trüb-blass erscheinen. Die kräftigeren Farben kommen erst zum Leben, wenn der Tag sich mehr und mehr dem Ende neigt. Dann ist das gelbe Shirt von Miranda schön kräftig und das Grün im Wald bekommt auch mehr Kraft. Die Schwarzwerte während der nächtlichen Szenen sind gut, neigen weder zum Versumpfen noch zum Mittelgrau, weil sie eventuell zu hell sind. Was ebenfalls auffällt, ist das leichte Bildrauschen, das beständig zu sehen ist. Auch dieses fördert den etwas schmuddeligeren Look, könnte aber (abseits vom Rauschen des Kamerachips) auch noch nachträglich etwas intensiviert/hinzugefügt sein. Nachträglich ist ein gutes Stichwort, denn nach 75’40 gibt es seltsames CGI-Übersprechen zwischen den Fingern und der Baumrinde, was aber daran liegt, dass man hier einen Drogentrip visualisiert hat. Das ist entsprechend nicht der Blu-ray anzulasten, sondern schon produktionsseitig so gewollt und technisch nicht besser umzusetzen gewesen, weil vermutlich auch einfach die Gelder gefehlt haben. Beim Encoding hinterlässt die Disk einen soliden Eindruck und zeigt sich ohne Neigung zu auffälligen Artefakten. Der Ton von You Can’t Run Forever liegt für beide Sprachfassungen in DTS HD-Master 5.1 vor. Beide sind allerdings keine Ausgeburten an Dynamik. Die anfänglichen Schüsse nach vier Minuten fallen eher mittelprächtig dynamisch aus und reißen keine akustischen Löcher in die Stille. Die Filmmusik kann bei Referenzlautstärke nur während der Titeleinblendung ein bisschen was vom Tisch ziehen, bleibt ansonsten eher unspektakulär. Was gut funktioniert, ist die Räumlichkeit, die gerade im Wald immer wieder Akzente setzt. Dort sind bspw. Vögel zu hören oder auch das Knacksen von Stöckchen auf dem Boden. Dazu gibt es jederzeit verständliche Dialoge, die allerdings auch etwas dynamischer hätten gemastert sein dürfen. Apropos Stimmwiedergabe: Schade, dass J.K. Simmons hier nicht mit der (für mich) besten Synchronstimme unterwegs ist, die gerade auf einem Serienkiller etwas ungewohnt und atypisch gewesen wäre. Oliver Stritzels Stimme passt meiner Meinung nach perfekt zu Simmons, was man vor allem in Whiplash nachvollziehen kann. Jan Spitzer, der Simmons bisher am häufigsten synchronisiert hat, ist leider 2022 verstorben. Derjenige, der hier zum Einsatz kommt, wirkt dann etwas zu klischeehaft hart und „zu passend“ für die Rolle. Hier hätte man mehr Mut beweisen dürfen. Da Simmons aber ohnehin am besten im Original rüberkommt, empfehle ich genau das an dieser Stelle für Filmfans, die gerne mal im O-Ton hören.

Preis: 14,99 €
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Bonusmaterial

Das Bonusmaterial von You Can’t Run Forever liefert lediglich den Originaltrailer sowie einige Programmtipps des Anbieters. Immer wieder schade, wenn ein Film, der eine gewisse Produktionshistorie hat, keine Extras auf der Blu-ray spendiert bekommt.

Fazit

You Can’t Run Forever hätte das Zeug gehabt, einen neuen Rollentypus für J.K. Simmons zu etablieren. Denn der gnadenlose Bösewicht steht dem Charakterkopf außerordentlich gut. Schade, dass die Regie letztlich zu wenig mutig und uninspiriert ist und das Drehbuch zu wenige Fallstricke bereithält. Da kann Simmons diabolisch agieren wie er will und in bester William-Foster-Falling-Down-Manier keine Rücksicht auf Verluste nehmen, wenn es am Ende zu oft vor sich hinplätschert. Immerhin wird das Ganze von einem sehr soliden Bild zum Betrachter gebracht, dass zwar etwas auf schmuddelig getrimmt wurde, sich ansonsten aber keine digitalen Fehler erlaubt. Der Ton hätte indes deutlich dynamischer ausfallen dürfen. Zwar bietet er ohnehin nur wenig Anlass für entsprechende Attacken, doch die wenigen Momente bleiben unter den Möglichkeiten.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 60%
Tonqualität (Originalversion): 65%
Bonusmaterial: 10%
Film: 55%

Anbieter: Leonine Distribution
Land/Jahr: USA 2023
Regie: Michelle Schumacher
Darsteller: Fernanda Urrejola, J.K. Simmons Allen Leech, Isabelle Anaya, Graham Patrick Martin
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Untertitel: de
Bildformat: 2,39:1
Laufzeit: 103
Codec: AVC
FSK: 16

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Leonine Distribution)
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Markus_K

Hallo Timo und danke für dein Review! Der Film hätte mich echt interessiert, schade, dass er leider letztendlich wohl nicht so gut ist. Das mit den Drohnenaufnahmen interessiert mich. Wurde da die Bildrate künstlich interpoliert oder ist stimmt bei den Aufnahmen die Belichtungszeit nicht oder was meinst du mich „Ruckeln“?

Dir weiterhin viel Spaß beim Anfertigen deiner immer sehr hochwertigen Reviews und bis bald 🙂
Markus