Blu-ray Review

OT: Bajocero
Belagerung
Gutes und spannendes Action-Thriller-Kino aus Spanien.
Inhalt

Martin ist Polizist. Und er hat einen Auftrag von seinem Präsidium erhalten. Er soll einen Transport mit sechs Gefangenen in einer andere Stadt durchführen. Routine also. Eigentlich. Wenn unter ihnen nicht immerhin ein ziemliches Schwergewicht des organisierten Verbrechens wäre. Einer, der schon mal einem Wärter mit einem verborgenen Gegenstand die Kehle durchgeschlitzt hat.
Dennoch begegnet Martin dem Auftrag professionell und geht auch schon mal dazwischen, als sich der Kollege im Gefängnis von einem der Straftäter provozieren lässt. Doch natürlich will es der Zufall so, dass aus der Routine Horror wird. Die Wege sind neblig, das Begleitauto verliert er plötzlich aus den Augen und dann wird der Transporter von außen angegriffen. Offenbar hat da jemand ein ganz spezielles Interesse an einem der Insassen. Und er tut alles dafür, in den Transporter zu kommen. Martin ist der einzige der Beamten, der den Angriff überlebt und muss fortan in dem gepanzerten Fahrzeug überleben und dafür sorgen, dass die Gefangenen nicht frei kommen. Das jedoch ist leichter gesagt als getan, wenn man bedenkt, dass immer wieder überraschende Details ans Licht kommen und der Transporter völlig isoliert auf der nächtlichen Nebenstraße steht …

Wenn Hollywood nichts mehr einfällt. Wenn es keine Paramount-Produktion mehr gibt, die Netflix aufkaufen möchte, weil der Filmanbieter Muffensausen hat, dass das fertige Produkt im Kino (wenn’s aktuell denn eins gäbe) nicht erfolgreich performt. Wenn also langsam Ebbe in der Ecke der US-Neuheiten ist, dann muss das europäische Kino ran. Das hat bereits in der ersten Covid-19-Welle funktioniert, als Netflix mit Der Schacht ein kleines, innovatives und ziemlich dreckiges Genre-Highlight veröffentlicht hatte. Warum also sollte das nicht auch mit diesem Actionthriller funktionieren?
Zumal sowohl der düster-graue Schacht als auch dieser Bajocero ein sehr reduziertes Szenario nutzen. Denn nachdem die Story sich analog zum Gefangenentransport in Gang gesetzt hat, spielt sich das Geschehen weitgehend innerhalb oder rund um das gepanzerte Fahrzeug ab. Und weil mit Polizist Martin ein prinzipientreuer Bediensteter im Zentrum steht, gibt es genug Konfliktpotenzial schon zwischen ihm und den Insassen im Transporter. Natürlich wollen es diverse Zufälle, dass die Häftlinge irgendwann aus ihren Zellen heraus kommen, obwohl sie zunächst noch fest verschlossen in ihren kleinen Abteilen saßen. Doch was wäre Filmunterhaltung, wenn nicht Genosse Zufall auf eine kleine Visite vorbeikäme.

Dem Drehbuch von Regisseur Quílez und seinem Autorenkollegen Fernando Navarro mag man es nicht übelnehmen. Immerhin wollen 105 Minuten Film ja auch gefüllt und die Zuschauer spannend bei der Stange – oder im Stream – gehalten werden.
Im Übrigen waren die Eingangsworte dieser Kritik durchaus etwas süffisant. Denn es geht ja nicht nur Paramount so. Und nicht nur US-Verleihe hatten Probleme, ihre Filme 2020 im Kino unterzubringen. Auch Bajocero war ursprünglich für einen Release im Lichtspielhaus geplant, wurde aber coronabedingt immer wieder verschoben, bis sich Netflix dann “erbarmte”, das Potenzial in dem kleinen Thriller sah und ihn daraufhin exklusiv ins Programm nahm.
Aber zurück zu Martin und seinen Gefangenen: Lluís Quílez hatte schon in Out of the Dark bewiesen, dass er Spannung aufbauen und Atmosphäre erzeugen kann. Und das gelingt ihm auch hier wieder sehr gut. Die ersten 20 Minuten nutzt er, um in aller Kürze seine Hauptfigur vorzustellen und die Verbringung der Gefangenen in den Transporter zu inszenieren – Zickereien während der Leibesvisitation vor dem Einsteigen in den LKW inklusive. Geschickt forciert der Film die Spannung, nutzt die dunklen Einstellungen dazu, Atmosphäre zu erzeugen und lässt seine Protagonisten nicht mehr sprechen als unbedingt nötig. Ebenso gelungen ist das Schauspiel von Javier Gutiérrez als Martin. Wie ein ruhender und äußerst gelassener Pol schaut er sich die Personenkontrolle an, die sein etwas hitziger Kollege vor dem Transport vornimmt.

Er vermittelt dem Zuschauer ein beruhigendes und souveränes Gefühl – gleichwohl ahnend, dass es hier nicht lange gut gehen wird. Erfreulich aber, dass Bajocero nicht auf hektisch macht. Kein wildes Rumgefuchtel, kein Gebrülle – der Film konzentriert sich auf sein Thriller-Szenario und untermalt das mit der stimmungsvollen Kameraarbeit von Isaac Vila, der das kühle Szenario mit ebensolchen Bildern einzufangen weiß.
Wie schon in seinem Horrorthriller mit Julia Stiles und Scott Speedman integriert Quílez zudem erneut sozialkritische Elemente. So kann man durchaus zum Nachdenken angeregt werden, wenn er die Polizeiarbeit ein ums andere Mal hinterfragt – und das nicht nur im Verhalten von Martins anfänglichem Kollegen, der gerne mal auf Sadist macht. Auch in der ersten Storywendung nach 45 Minuten wird deutlich, dass im System nicht alles rund läuft. Dazu bietet die Situation im Inneren des Transporters bald genug Dynamik für mehr als bloßes Schwarz-Weiß zwischen Polizist und Verbrecher.
Und weil’s immer wieder überraschende Twists und ebenso überraschend blutige Ereignisse gibt, die Darsteller sich wacker schlagen und das beengte Szenario für viel Spannung im Stile von Con Air sorgt, sieht man auch über Ungereimtheiten wie das Fehlen einer Funkverbindung zu den jeweiligen Gefängnissen oder die teils ziemlich unlogischen Verhaltensweisen von Martin und den Gefangenen hinweg.
Bild- und Tonqualität

Bajocero liegt bei Netflix in 4K Ultra HD vor, was im Falle des Streaminganbieters eigentlich bedeutet, dass der Film auch durchgängig in 4K gedreht und produziert wurde. Da über die technischen Hintergründe nicht viel herauszufinden war, muss eventuell das Auge reichen, um eine Prognose abzugeben, ob man es wirklich mit nativem 4K zu tun hat. Gedreht wurde jedenfalls mit einer ARRI Alexa LF, die mit 4.5K (streng genommen: 4.448K) aufzeichnet. Es ist also wahrscheinlich, dass eine 4K-Kette in der Produktion gewählt wurde. Allerdings fehlt Dolby Vision – und die Datenrate schwankt (erstaunlicherweise) zwischen 9.74 und 15.89 Mbps. Da die 4K-Streams normalerweise (und bisher) mit fixen 15.25 Mbps liefen, könnte bei Bajocero bereits die vor einigen Monaten angekündigte variable Bitrate greifen, die Netflix-Inhalte weniger datenintensiv werden lässt, gleichzeitig aber mehr Qualität liefern können soll.
WENN es so wäre, dass hier also die variable Datenrate zum Einsatz kommt, sollte Netflix zugig nachbessern. Denn das, was hier bisweilen an Artefakten während der nebligen Szenen und auf den uniformen Hintergründen im LKW zu sehen ist, ist teils wirklich gruselig. Immer wieder gibt es Banding-/Farb-/Helligkeitsverlaufsprobleme. Dazu massive Blockartefakte auf dunklen/schwarzen Hintergründen/Oberflächen. Das wirkt schon fast wieder so mies wie die seinerzeit im ersten Covid-19-Lockdown genutzte freiwillige Datenraten-Verringerung. Immerhin die Schärfe ist überzeugend und zeigt in Close-ups viele Details auf Gesichtern. Die Farbgebung selbst ist graubetont und bietet kaum echte Farbtupfer. Die Kontrastierung geht halbwegs in Ordnung, was man anhand von den meist düsteren Szenen mit viel Nebelanteil so sagen kann. Versumpfungen im Schwarz sind dennoch vorhanden.

Bei den europäischen Produktionen hapert es noch ein wenig mit dem vollumfänglichen Sound. Bajocero liegt deshalb nur in regulärem 5.1 vor und weist keine Dolby-Atmos-Spur auf. Für den Fall, dass es so gewesen wäre, hätten natürlich nur solche Deutsch-Muttersprachler etwas davon, die Spanisch können oder aber gerne mit Untertiteln schauen.
Aber was reden wir über ungelegte Eier – der reguläre 5.1-Ton in Deutsch und Spanisch (und auch die vorhandene englische Synchro) sind mit Dolby-Digital-Plus-Kern ausgestattet und schlagen sich sehr gut. Schon die Dialoge sind jederzeit gut eingebettet und harmonisch integriert. Der Unfall mit dem Transporter wird recht dynamisch ins Heimkino gegeben und die nach knapp 34 Minuten abgegebenen Schüsse zerreißen die Stille aus Rauschen und ein paar rufenden Uhus wirkungs- und effektvoll. Der Score fängt dann auch entsprechend an zu pumpen und wenn die Bohrmaschine von außen angesetzt wird, sägt das druchaus beeindruckend an den Nerven. Insgesamt ein lebhafter Surroundsound, der mehr Dynamik zeigt und sauberer klingt als die Tonspuren so mancher US-Produktion auf Netflix.
Richtig voluminös wird’s dann nach etwas über 75 Minuten, wenn eine ganze Menge Wasser ins Spiel kommt.
Fazit
Bajocero – Unter Null ist längst nicht immer logisch, dafür aber meist ziemlich spannend, bisweilen klaustrophobisch intensiv und immer wieder überraschend. Dazu besetzt mit einem souveränen Hauptdarsteller und atmosphärisch gefilmt. Das ist in Summe schon mehr als so manches US-“Highlight” bei Anbieter Netflix. Leider leidet der Stream unter seiner schwachen Bildqualität, während der Sound als gelungen gelten darf.
Timo Wolters
Bewertung
Bildqualität: 60%
Tonqualität (dt. Fassung): 75%
Tonqualität (Originalversion): 75%
Film: 75%
Anbieter: Netflix
Land/Jahr: Spanien 2019
Regie: Lluís Quílez
Darsteller: Javier Gutiérrez, Àlex Monner, Patrick Criado, Édgar Vittorino
Tonformate: Dolby Digital Plus: de, sp, en
Bildformat: 2,39:1
Laufzeit: 105
Real 4K: Ja
Datenrate: 9.74 – 15.89 Mbps
Altersfreigabe: 16
(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Netflix)
So testet Blu-ray-rezensionen.net
Die Grundlage für die Bild- und Tonbewertung von Streams, BDs und UHD-BDs bildet sich aus der jahrelangen Expertise im Bereich von Rezensionen zu DVDs, Blu-rays und Ultra-HD-Blu-rays sowie Tests im Bereich der Hardware von Unterhaltungselektronik-Komponenten. Gut zehn Jahre lang beschäftigte ich mich professionell mit den technischen Aspekten von Heimkino-Projektoren, Blu-ray-Playern und TVs als Redakteur für die Magazine HEIMKINO, HIFI TEST TV VIDEO, PLAYER oder BLU-RAY-WELT. Während dieser Zeit partizipierte ich an Lehrgängen zum Thema professioneller Bildkalibrierung mit Color Facts und erlangte ein Zertifikat in ISF-Kalibrierung. Wer mehr über meinen Werdegang lesen möchte, kann dies hier tun —> Klick.
Die technische Expertise ist aber lediglich eine Seite der Medaille. Um stets auf der Basis von aktuellem technischen Wiedergabegerät zu bleiben, wird das Testequipment regelmäßig auf dem aktuellen Stand gehalten – sowohl in puncto Hardware (also der Neuanschaffung von TV-Displays, Playern oder ähnlichem, wenn es der technische Fortschritt verlangt) als auch in puncto Firmware-Updates. Dazu werden die Tests stets im komplett verdunkelbaren, dedizierten Heimkino angefertigt. Den Aufbau des Heimkinos könnt ihr hier nachlesen —> Klick.
Dort findet ihr auch das aktuelle Referenz-Gerät für die Bewertung der Tonqualität, das aus folgenden Geräten besteht:
- Mainspeaker: 2 x Canton Reference 5.2 DC
- Center: Canton Vento 858.2
- Surroundspeaker: 2 x Canton Vento 890.2 DC
- Subwoofer: 2 x Canton Sub 12 R
- Heights: 4 x Canton Plus X.3
- AV-Receiver: Denon AVR-X4500H
- AV-Receiver: Pioneer SC-LX59
- Mini-DSP 2x4HD Boxed
Das Referenz-Equipment fürs Bild findet ihr wiederum hier aufgelistet. Dort steht auch, wie die Bildgeräte auf Norm kalibriert wurden. Denn selbstverständlich finden die Bildbewertungen ausschließlich mit möglichst perfekt kalibriertem Gerät statt, um den Eindruck nicht durch falsche Farbtemperaturen, -intensitäten oder irrigerweise aktivierten Bild”verbesserern” zu verfälschen. Streaming-Filme werden zudem über mehrere unterschiedliche Apps Kontrolle geschaut, um etwaige deutliche Differenzen auszumachen.
- Panasonic DMP-UB900
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- Epson EH-TW9400
- HDMI-Kabel: Audioquest Forest-Serie