Blu-ray Review

OT: I Care a Lot
Menschenfeindin
Schauspielerisch hot, inhaltlich …?
Inhalt

“Es gibt keine guten Menschen!” Nach diesem Motto lebt Marla Grayson. Und weil das ihrer Meinung nach ohnehin so ist, kann man besser so richtig schlecht sein und dabei immerhin Kohle verdienen. Denn Marla war mal arm und will das nicht mehr sein. Mit dieser Haltung hat es die juristisch anerkannte Betreuerin – fachdeutsch: Sachwalterin – zu einigem Wohlstand gebracht. Vor Gericht präsentiert sie sich als gute Fee, die für eine Vielzahl an Senioren die Vormundschaft erstreitet und die älteren Damen und Herren damit scheinbar vor der gierigen oder wahlweise unfähigen Verwandtschaft bewahrt. Was allerdings hinter den Kulissen abgeht, ist Dasselbe in Grün. Denn Marla reißt sich damit das Vermögen und die Immobilien der älteren Herrschaften auf legale Art und Weise unter den Nagel. Da sie mit dem Leiter des örtlichen Pflegeheims einen Deal hat, funktioniert das auch langfristig in diese Richtung. Mucken die auf diese Weise Bevormundeten auf, bekommen sie einfach eine Beruhigungsspritze. Der Betreiber des Pflegeheims freut sich indes über neue Bewohner, was ihm wiederum finanzielle Absicherung bietet. Da Marla gerade eine dieser Melkkühe an einen unerwartet frühen Tod verloren hat, braucht sie ein neues Opfer. Gemeinsam mit ihrer Komplizin im Geiste, der Hausärztin diverser Senioren, finden man diese in Jennifer Peterson. Die alte Dame ist schwerreich und hat augenscheinlich keine Verwandten. Ihr Profil heißt für Marla: Leichte und vor allem fette Beute! Während im Hintergrund die Fäden für die Vormundschaft bereits geflochten wurden, zeigt sich Jennifer als ziemlich renitent. Viel schlimmer noch: Sie hat direkte Kontakte in die Unterwelt. Und Marla damit erstmalig echte Gegner …

Das Toronto International Film Festival im September 2020 bot ebenso fette Beute für Netflix wie die alten Damen und Herren es für Marla in I Care a Lot tun. Neben dem – zumindest in einigen Kategorien – heißen Oscarkandidaten Pieces of a Woman hat der Streaminganbieter nun auch diesen Mix aus Thriller und schwarzer Komödie eingekauft. Und erneut stehen die Zeichen auf Oscarnominierung – zumindest für Hauptdarstellerin Rosamund Pike.
Zwar teilt sich Netflix die Auswertungsrechte mit Amazon Prime, für Deutschland allerdings liegen sie beim roten N, nicht beim schwarzen a.
Beiden gemein ist der Starttermin am 19. Februar 2021.
J Blakeson, der Regisseur und Autor von I Care a Lot dürfte den meisten wohl durch seinen Teenie-Coming-of-Age-Sci-Fi-Mix Die 5. Welle bekannt sein, die er 2016 über die Zuschauer rollen ließ. Als Drehbuchautor stehen etwas durchwachsene Vorlagen wie jene zur eher schwachen Fortsetzung Descent 2 auf seiner Vita. Seine bisherigen Arbeiten schwankten stets etwas zwischen nicht konsequent genug und zwischen den Stühlen. Mit I Care a Lot ist Blakeson nun konsequent. Konsequent menschenfeindlich.
Darf man es fragwürdig finden, wenn die Hauptfigur des Films vollkommen eiskalt und hochgradig unsympathisch gezeichnet ist; wenn in ihrem Universum ausschließlich das Recht des Stärkeren herrscht?

I Care a Lot prangert die Schlupflücken des Systems an und zeigt auf, was in einer Welt, die dem kapitalistischen Prinzip verpflichtet ist, passieren kann, wenn man genau diese Lücken konsequent nutzt. I Care a Lot könnte – wohlwollend kritisiert – ein böser Kommentar auf die Ära Trump sein. Immerhin handelt Marla nach der Maxime des Geschäftsmanns und späteren Präsidenten – und damit kaum anders als jene (überzeichnet als Rednecks dargestellten) Verwandten, die sich bis zu ihrer Vormundschaftsübernahme um die Belange (und das Geld) der älteren Verwandtschaft gekümmert haben. Es gibt diese Szene, in der Marla von einem dieser ausgebooteten Verwandten bespuckt und beschimpft wird. Eine Szene, in der ein Typ, der visuell sicherlich nicht zufällig dem Trump-Fanlager zugeordnet wurde, seine “Meisterin” in einer eiskalten Geschäftsfrau findet, die ihm offenbart, wer der große Hai im Becken; wer die “Löwin” ist.
Wie gesagt: Das kann man als bissigen Kommentar auf die Ära Trump verstanden wissen. Außerdem zeigt sich Marla in all ihrem löwenhaften Selbstbewusstsein als Feministin par excellence. Aber das wirkt am Ende doch eher wie eine fast “beiläufige” Eigenschaft. Denn Feministin und burschikoser, dominant wirkender Haarschnitt hin oder her – Marla ist eine Kriminelle. Und, wie gesagt: Marla ist ein durchweg verdorbener Charakter. Eine aufs Negativste gönnerhafte Unsympathin, der es um Macht und Geld geht. Nichts an ihr lässt sie menschlich erscheinen. Ihr unterlaufen keine Fehler und sie akzeptiert keine Niederlage. Sie scheint keine Vergangenheit zu haben und über ihre Partnerin erfährt man nur sehr wenig. Da kann sich Rosamund Pike mit ihrem souverän-extrovertierten Spiel noch so sehr um Golden Globe und Oscar bewerben, für den Zuschauer bleibt sie komplett unnahbar. Schlimmer noch: Man wünscht ihrer Figur die Pest an den Hals.

Glücklicherweise gibt’s noch Peter Dinklage. Der durch Game of Thrones endgültig zum Star gewordene Darsteller, der auch die Hauptrolle im Lieblingsfilm des Verfassers dieser Zeilen spielte, darf den Antagonisten zu Rosamund Pike geben und bestimmt damit auch den Ton des zweiten Teils des Films – nämlich des Thrillers. Dinklage gibt einen fiesen Bösewicht ab, von dem man sofort weiß, dass er auf Augenhöhe mit Marla agieren kann.
Leider ist er umgeben von Idioten, was wiederum den Ton gleich mehrfach nicht trifft. Schon sein blonder Handlanger ist mehr die Karrikatur eines Bad Guy und man fragt sich, ob ein Typ wie Lunyov sich tatsächlich mit so einem Dilettanten abgeben würde. Wenn es dann zur Befreiungsaktion im Altenheim geht, verletzt I Care a Lot nicht nur jede Logik (würde ein Sicherheitsmann im Flur eines Altenheims sofort das Feuer eröffnen), sondern rutscht auch noch in unpassende Actionslapstick-Gefilde ab. Tonal kann sich Blakesons Film zu keiner Zeit entscheiden, was er sein will. Vollends lächerlich wirkt das Ganze, wenn ausgerechnet Marla sich bei Jennifer darüber beschwert, dass Roman seinen Drohungen Taten folgen lässt – wenn sich die Frau, die schon zig Leben bewusst zerstört hat, als Moralapostel aufspielt.
Was am Ende dann die Frage aufwirft: Was war die Intention des Regisseurs? Wollte er einen sozialkritischen Film machen, der einen zynischen Kommentar auf den Kapitalismus und das Prinzip: “Jeder ist sich selbst der Nächste” abliefert? Oder nutzt er seine Figuren zum reinen Selbstzweck aus, um eine von poppig-treibender (oft unpassend wirkender) Musik unterlegte grelle Farce zu inszenieren, die sich einen feuchten Kehricht um den moralischen Kodex schert?
Bild- und Tonqualität

Leider war auch bei I Care a Lot nicht in Erfahrung zu bringen, mit welchen Kameras aufgenommen wurde und ob hier ein 4K-DI zur Verwendung kam. Da Netflix den Film aber in 4K mit Dolby Vision anbietet, liegt der Verdacht auf ein 4K DI nahe, da Netflix dies in aller Regel für die 4K-Streams voraussetzt und keine hochskalierten Filme anbietet – schön wäre es, wenn sie diesen Qualitätsanspruch auch beim Stream selbst halten würden. Aber das ist ein anderes Thema. Um das Geschehen etwas filmischer erscheinen zu lassen, hat man dem digital gedrehten Produkt in der Postproduktion eine dezente Körnung hinzugefügt, die allerdings tatsächlich filmisch wirkt und nicht Überhand nimmt. Auf hellen Hintergründen wird’s zwar schon mal etwas deutlicher, aber nie wirklich störend. Fans von glatten Digitalproduktionen dürften sich trotzdem etwas ärgern. Die Kontrastdynamik hält via Dolby Vision sehr satte, manchmal fast überkräftige Farben bereit, die bisweilen fast schon popartig bunt oder neonhaft sind. Lippenstifte sind schon mal grell und Hauttöne sehr kräftig bis überbräunt. In dunklen Bereichen gehen ganz selten mal Details etwas unter, während sich Schwarz hier schon mal etwas ins Bläuliche verfärbt. Schön scharf und auf ein 4K-DI Rückschlüsse zulassend geraten die Close-ups von Gesichtern, die zahlreiche Details offenbaren.

Beim Ton von I Care a Lot sind die Fronten deutlich klarer als beim Bild. Für beide Sprachen (Deutsch und Englisch) liegt der Stream lediglich in Dolby Digital Plus vor. Also keine Dolby Atmos-Kodierung – was am Ende auch unnötig wäre, wenn man die sehr dialoglastige Thematik des Films betrachtet. Denn Anlass gibt es für 3D-Sounds praktisch überhaupt nicht. Also bleibt die reguläre Ebene, die mit sehr klaren Dialogen und einer stimmigen Atmosphäre punktet. Vor allem die Dialoge (die weitgehend dominieren) sind wirklich gut gelungen und sehr verständlich. Räumlichkeit kommt dann auf, wenn Schüsse fallen oder aber der Score das Geschehen übernimmt. Hier darf dann auch der Tiefton ein wenig mitspielen und die Subwoofer für etwas Druck sorgen. Sehr hübsch gelingt auch die Unterwasserszene nach knapp 80 Minuten, in der die Musik über alle Speaker vereinnahmend erklingt. Für ein sprachbestimmtes Drama geht es dementsprechend teilweise überraschend räumlich zu.
Fazit
Es ist nicht so, dass I Care a Lot keine guten Momente hätte. Jene Szene, in der Dean erstmalig bei Marla auftaucht und es sich zum Psychospielchen zwischen Anwalt und eiskalter Sachwalterin entwickelt, ist elektrisierend spannend. Doch was helfen ein paar gute Szenen, wenn der Film tonal komplett daneben liegt. Wenn das Ganze ausschließlich von Menschenfeinden bevölkert wird und diese Einstellung zum Lebensprinzip, ohne jede Korrektur des moralischen Kompasses erhoben wird. Da kann Rosamund Pike um ihr Leben spielen, in Dianne Wiest ein wehrhaftes “Opfer” finden und mit Peter Dinklage einen hervorragenden Gegenspieler haben. Schauspiel wird zur Nebensache, wenn der Inhalt nicht nur verwerflich, sondern davon abgesehen auch unausgegoren und unentschlossen ist. Dass I Care a Lot am Ende auch noch gut eine halbe Stunde zu lang ausfällt und in vielen Szenen unlogisch und unglaubwürdig erscheint, ist dann fast schon nicht mehr erheblich.
Zu schlechter Letzt: Man will eine Schauspielikone wie Dianne Wiest einfach nicht sagen hören: “Du Mistfot*e, du elende!”
Timo Wolters
Bewertung
Bildqualität: 75%
Tonqualität (dt. Fassung): 70%
Tonqualität (Originalversion): 70%
Film: 40%
Anbieter: Netflix
Land/Jahr: USA 2020
Regie: J Blakeson
Darsteller: Rosamund Pike, Peter Dinklage, Eiza González, Dianne Wiest, Chris Messina
Tonformate: Dolby Digital Plus: de, en
Bildformat: 2,39:1
Laufzeit: 120
Real 4K: Ja
Datenrate: 9.53
Altersfreigabe: 16
(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter Netflix)
Trailer zu I Care a Lot
So testet Blu-ray-rezensionen.net
Die Grundlage für die Bild- und Tonbewertung von Streams, BDs und UHD-BDs bildet sich aus der jahrelangen Expertise im Bereich von Rezensionen zu DVDs, Blu-rays und Ultra-HD-Blu-rays sowie Tests im Bereich der Hardware von Unterhaltungselektronik-Komponenten. Gut zehn Jahre lang beschäftigte ich mich professionell mit den technischen Aspekten von Heimkino-Projektoren, Blu-ray-Playern und TVs als Redakteur für die Magazine HEIMKINO, HIFI TEST TV VIDEO, PLAYER oder BLU-RAY-WELT. Während dieser Zeit partizipierte ich an Lehrgängen zum Thema professioneller Bildkalibrierung mit Color Facts und erlangte ein Zertifikat in ISF-Kalibrierung. Wer mehr über meinen Werdegang lesen möchte, kann dies hier tun —> Klick.
Die technische Expertise ist aber lediglich eine Seite der Medaille. Um stets auf der Basis von aktuellem technischen Wiedergabegerät zu bleiben, wird das Testequipment regelmäßig auf dem aktuellen Stand gehalten – sowohl in puncto Hardware (also der Neuanschaffung von TV-Displays, Playern oder ähnlichem, wenn es der technische Fortschritt verlangt) als auch in puncto Firmware-Updates. Dazu werden die Tests stets im komplett verdunkelbaren, dedizierten Heimkino angefertigt. Den Aufbau des Heimkinos könnt ihr hier nachlesen —> Klick.
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