
4K Blu-ray Review

OT: ⭐ IMDb 7.6

Spielbergs Systemfehler
Minority Report war technologisch prophetisch, wich philosophisch aber vor der eigenen Courage zurück. Wie viel Philip K. Dick steckt noch in Spielbergs Blockbuster?
Danke an Leser Markus fürs Zurverfügungstellen der Blu-ray zum Abgleich.
Inhalt

Washington D.C. im Jahr 2054: Ein Paradies ohne Gewalt. Das Verbrechen stirbt, noch bevor der erste Schlag (aus)geführt wird. In dieser klinisch reinen Welt ist John Anderton nicht nur ein Gesetzeshüter, er ist Dirigent eines technologischen Wunders namens Precrime. Das System ist scheinbar genial: Drei hochbegabte Wesen, die sogenannten Precogs, treiben in einem flüssigen Dämmerschlaf und empfangen Fragmente zukünftiger Morde. Mit traumwandlerischer Sicherheit filtert Anderton diese Schreckensvisionen aus dem Äther, um die Täter zu verhaften, bevor sie zu Mördern werden. Ein perfekter Mechanismus, eine unfehlbare Justiz. Bis zu jenem Moment, in dem das System sich gegen seinen treuesten Diener wendet. Als die nächste Vorhersage sich auf einer Holzkugel manifestiert, zeigt sie einen Namen, den Anderton besser kennt als jeden anderen: seinen eigene. In exakt 36 Stunden wird er einen Mann töten, den er noch nie getroffen hat. Plötzlich ist der Jäger der Gejagte, verfolgt von seiner eigenen Eliteeinheit und einer Technologie, der man in dieser gläsernen Welt nicht entkommen kann. Getrieben von der verzweifelten Hoffnung, dass das System doch einen Fehler macht, begibt er sich auf eine rasante Flucht in die Abgründe der Stadt. Er sucht nach dem flüchtigen Beweis für seine Unschuld, während die Uhr tickt und die Grenze zwischen Vorherbestimmung und freiem Willen im Chaos der Neonlichter verschwimmt …

Vorab: Im Verlauf des Reviews kommt es zu Spoilern. Wer die Story von Film und/oder Buch nicht kennt, sei hiermit gewarnt oder die ersten beiden Absätze überspringen, in dem ich Spielbergs Adaption mit der zugrunde liegenden Vorlage vergleiche.
Wenn man sich Steven Spielbergs Minority Report aus dem Jahr 2002 heute ansieht, betritt man ein faszinierendes cineastisches Paradoxon. Der Film ist gleichzeitig zwar visionär, aber eben auch schmerzhaft in seiner Zeit und in Spielbergs Optimismus gefangen. Sein Film ist ein atemloser Blockbuster, der komplexe intellektuelle Fragen aufwirft und sie dann im entscheidenden Moment mit einem typischen Hollywood-Pflaster zukleistert. Der Kern dieses Films basiert auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick aus dem Jahr 1956. Dick, eher ein Paranoiker, denn ein Realist, interessierte sich dafür, wie Institutionen Menschen korrumpieren. In seiner Kurzgeschichte erzählt er von Anderton, einem alternden, kahlköpfigen Bürokraten, der Precrime erfunden hat. Anderton möchte sein System, das auf der Vorhersagung durch mutierte Menschen basiert, um alles in der Welt schützen. Der Konflikt resultiert aus einem politischen Machtkampf zwischen Precrime und dem Militär. Spielbergs Anderton ist ein junger, strahlender Held, der lediglich Ausführender in diesem System ist, das jemand anders erschaffen hat. Die Precogs sind hier eher ätherische und engelsgleiche Wesen und keine Mutanten, und der Konflikt resultiert aus einer persönlichen Verschwörung und der Frage nach staatlicher Überwachung. Spielberg hat Dicks radikalen, fatalistischen Determinismus genommen und ihn in einen moralisierenden Verschwörungsthriller über den freien Willen verwandelt. Rechtsphilosophisch betrachtet ist das Precrime-System ein Albtraum, da es das fundamentale Prinzip des Nulla poena sine culpa (Keine Strafe ohne Schuld) aushebelt. Man wird für den verbrecherischen Vorsatz bestraft, bevor die Tat überhaupt stattgefunden hat. In Dicks literarischer Vorlage entdeckt John Anderton, dass die Präkognitiven sich uneinig waren, als er vorhergesagt bekommt, dass er einen Mann töten wird. Er wird also “Opfer” des Minority Report. Dicks brillanter Clou: Um das System zu retten und zu beweisen, dass Precrime funktioniert, begeht Anderton den Mord freiwillig. Tötete er Kaplan nicht, wäre die Vorhersage falsch gewesen, was das gesamte System diskreditiert hätte. Er opfert seine Freiheit (und Kaplans Leben), um die totalitäre Institution zu erhalten, weil er an sie und dadurch an die Rettung der “Sicherheit” der Gesellschaft glaubt. Der Einzelne wird von der Maschine zermalmt, und die Maschine hat recht.

Was macht Spielberg daraus? Er personalisiert das Problem. Das System an sich wird nicht wegen seines inhärenten erkenntnistheoretischen Paradoxons als falsch entlarvt, sondern weil ein böser alter Mann es korrumpiert und manipuliert hat. Spielberg flüstert uns tröstend zu: “Du hast immer noch eine Wahl.” Anderton tötet nicht, das System wird abgeschaltet, alle Gefangenen werden begnadigt. Das ist aus philosophischer Sicht faul. Anstatt die Unmöglichkeit der Vorhersehbarkeit menschlichen Handelns zu Ende zu denken, reduziert Spielberg den Fall eines dystopischen Systems auf die Aufdeckung eines singulären Bösewichts. Das System scheitert nicht an seiner philosophischen Anmaßung, sondern an simpler menschlicher Korruption. Das mag als Popcorn-Kino fantastisch funktionieren, ist aber ein fundamentaler Verrat an Dicks zutiefst paranoider, anti-institutioneller Vision. Denn was verhandelt Dick in seiner Geschichte für unangenehm-schwierige Fragen: das Thema der Aushöhlung der Unschuldsvermutung – immerhin gilt im modernen Rechtsstaat die Annahme, dass jemand so lange unschuldig ist, bis eine Tat bewiesen wurde. “Precrime” ersetzt dieses Prinzip durch eine statistische/visionäre Wahrscheinlichkeit. Die zugrunde liegende philosophische Frage, ob Unrecht existieren kann, wenn die Handlung nie stattgefunden hat, streift Spielbergs Film nicht mal zart. Zeitgleich verhandelt Dick das Thema “Utilitarismus vs. Individualrechte”. Precrime als utilitaristisches Extrembeispiel erkauft das Wohl der Mehrheit (eine Welt ohne Mord) durch das Opfer der Minderheit (hier: die potenziellen Täter, die ihrer Freiheit beraubt werden). Da es den Minority Report gibt, ist man zudem bereit, Fehlurteile in Kauf zu nehmen, solange die Gesamtrate der Verbrecher niedrig bleibt. In Dicks Kurzgeschichte ist Anderton, wie zuvor erwähnt, kein strahlender Held, sondern ein Systemerhalter, der am Ende zum Mörder wird, um die Lüge der Unfehlbarkeit aufrechterhalten zu können. Für Dick war dies die eigentliche Tragödie. Spielberg hingegen ist ein Optimist. Er möchte glauben, dass der menschliche Geist jede Vorhersage schlagen kann. Während Dick eine zynische Parabel über Bürokratie und Selbsterhaltung schrieb, machte Spielberg daraus eine klassische Heldenreise über freien Willen und Moral.

Dass wir Spielberg diesen philosophischen Taschenspielertrick damals wie heute verzeihen, liegt an der schieren visuellen Wucht, mit der er und sein Stamm-Kameramann Janusz Kaminski uns überrollen. Die Optik von Minority Report war wegweisend und definierte die Ästhetik des Science-Fiction-Kinos der 2000er Jahre. Kaminski und Spielberg entschieden sich ganz bewusst gegen die neongetränkte, feuchte Cyberpunk-Romantik eines Blade Runner und ebenso gegen die steril-weißen Apple-Store-Utopien, die später Filme wie Oblivion prägen sollten. Sie erschufen eine Welt, die greifbar, dreckig und unangenehm grell war. Der Look wurde maßgeblich durch den sogenannten Bleach-Bypass-Prozess definiert. Das Resultat ist ein Bild mit extrem tiefen, fast absaufenden Schwarzwerten, völlig überstrahlten, ausgebrannten Weißtönen und einer massiv reduzierten Farbsättigung. Die Haut der Darsteller wirkt oft kränklich und fahl, fast leichenhaft. Kaminski leuchtete die Sets zudem extrem aggressiv aus, oft mit harten Gegenlichtern, die durch Fenster und Jalousien brachen, um die ohnehin schon omnipräsente Filmkörnung noch weiter zu betonten. Dieser visuelle Ansatz vermittelt eine unterschwellige Aggressivität und Paranoia und wirkt wie ein eiskalter, silber-bläulicher Albtraum. Dieser hyperkontrastreiche, körnige und farbentsättigte Look wurde danach oft kopiert, sodass man leicht vergisst, wie radikal er 2002 für einen 100-Millionen-Dollar-Sommerblockbuster war. Spielberg verweigerte uns ein schönes, eskapistisches Bild der Zukunft und zwang uns stattdessen in eine klaustrophobische, visuell anstrengende Realität.

Dieser raue, analoge Look wurde glücklicherweise durch ein Produktionsdesign unterstützt, das bis heute unerreicht ist. Was uns zu den Effekten und der Weltengestaltung bringt. Die Effekten sind teils brillant gealtert, teils aber auch erschreckend schlecht. Spielberg rief 1999 einen berühmten Think Tank in Santa Monica zusammen, bestehend aus Stadtplanern, MIT-Wissenschaftlern, Architekten und Tech-Gurus, um das Jahr 2054 logisch zu designen. Das spürt man in jeder Faser des Films. Wenn die CGI-Elemente und die praktischen Effekte im Dienst dieser Weltengestaltung stehen, ist der Film zeitlos. Das absolute Paradebeispiel dafür ist das gestengesteuerte Interface, das Anderton bedient. Entwickelt von dem Wissenschaftler John Underkoffler, wirkt diese holografische Benutzeroberfläche, die Cruise wie ein Dirigent einer dystopischen Symphonie bedient, noch heute visionär und elegant. Nicht zuletzt, weil sie physisch greifbar in den Raum integriert wurde. Ebenso meisterhaft ist die berühmt-berüchtigte Spinnen-Sequenz. Wenn die winzigen, mechanischen Roboter das Apartmenthaus nach Anderton durchsuchen, verschmelzen Computereffekte von ILM und praktische Animatronics zu Gänsehaut. Warum funktioniert diese Szene heute noch so gut? Weil Kaminskis geniale Kamera-von-oben-Perspektive und Ben Burtts meisterhaftes Sounddesign (das bedrohliche Klicken und Surren der mechanischen Beine) dem digitalen Trick eine physische Manifestation geben. Auch die personalisierte Werbung, die Anderton anhand seiner Iris-Scans beim Betreten des Gap-Stores anspricht, war eine Vorhersage, die so präzise und unheimlich ist, dass sie fast schon dokumentarisch wirkt. Hier unterstützten die visuellen Effekte die Narration und die Welt, wenngleich das aggressive Product Placement hochgradig nervt.

Doch genau hier kommen wir zu dem Moment, an dem wir tief durchatmen und die rosa Nostalgiebrille absetzen müssen. So brillant Minority Report in seinen intimen, designten Momenten ist, so furchtbar fallen weite Teile seiner Action-CGIs heute auseinander. Die frühen 2000er Jahre waren eine Übergangsphase, in der Filmemacher der Versuchung verfielen, die Kamera virtuell völlig freizudrehen und physikalische Gesetze aus dem Fenster zu werfen, ohne dass die Render-Technologie für fotorealistische Umgebungen wirklich bereit war. Das Resultat in Minority Report ist teilweise wirklich gruselig. Der absolute Tiefpunkt ist die Flucht über die vertikale Autobahn. Wenn Cruise von Fahrzeug zu Fahrzeug springt, verliert der Film jeden Bezug zur physischen Realität. Die computergenerierten Lexus-Kapseln sehen aus wie poliertes Plastik, und wenn Cruise in der Fabrik gegen Roboterarme kämpft, trennen sich Vordergrund und Hintergrund schmerzhaft voneinander. Das Korn des 35mm-Films konnte die Sterilität der damaligen CGI in diesen weiten Totalen nicht kaschieren. Diese Szenen zeigen das Dilemma der Ära: Spielberg wollte die kinetische Energie von Videospielen adaptieren, aber die Algorithmen für Hauttexturen, Masse und Umgebungsverdeckung steckten noch in den Kinderschuhen. Wenn man sich den Film heute ansieht, muss man diese furchtbaren Plastik-Action-Setpieces fast schon als historisches Dokument einer technikbesoffenen Pubertätsphase Hollywoods betrachten. Es ändert nichts daran, dass der Film in seiner Gesamtheit ein gewaltiges, nachdenklich stimmendes Werk ist, aber es erinnert uns schmerzhaft daran, dass philosophische Konzepte und analoges Filmkorn weitaus würdevoller altern als Nullen und Einsen, die versuchen, Tom Cruises Gesicht in eine fahrende CGI-Katastrophe hinein zu simulieren.



- Film
Bild- und Tonqualität BD

Minority Report ist aus dem Jahr 2002 – das war (noch) nicht gerade das Jahr der Speerspitze, was die Qualität von CGI anging. Zwar bewiesen Herr der Ringe: Die zwei Türme oder Men in Black II, dass man respektabel arbeiten konnte, wenn man die computergenerierten Effekte entweder mit Miniaturen kombinierte oder sich größtenteils auf seltsame Wesen beschränkte. Was seinerzeit abseits von Pixar noch nicht wirklich funktionierte, waren komplette CGI-Welten. Und das “bewies” leider auch Steven Spielbergs SciFi-Actioner. Vor allem Szenen, in denen der Verkehr der Zukunft visualisiert wird, leiden unter Tricktechnik, die subjektiv nicht allzu viel Fortschritt seit Tron erzielt hatte. Negatives Beispiel ist hier die Sequenz bei 42’40. Dies als kurze Einleitung dazu, dass schon die Blu-ray mit diesen CGIs zu kämpfen hatte, weil sie einfach künstlich wirkten – insbesondere, wenn man auch noch versucht hat, Cruise’ Gesicht hinein zu animieren. Allerdings widerstand man bei der BD der Versuchung, die auf Filmmaterial gedrehten Szenen rauschzufiltern, um sie die aus dem Computer stammenden Sequenzen anzugleichen. Da auf Film ausbelichtet wurde, erhielten die CGIs ohnehin einen körnigen Analoglook. Dies wurde von der Blu-ray (die im Übrigen unverändert im Set mit der UHD-Blu-ray kommt) damals recht authentisch und erstaunlich homogen eingefangen. Man sieht weder auffällige Filterung noch Nachschärfungen, sondern ein erstaunlich natürliches Analogbild, dessen Encoding allerdings besser hätte ausfallen dürfen. Jetzt sollte und muss man sich allerdings darüber bewusst sein, dass Minority Report wahrlich nicht besonders hübsch aussieht – objektiv, technisch gesehen. Die Highlights überstrahlen massiv, die Kontraste sind harsch und steil, Farben gefühlt komplett entsättigt und die Körnung mitunter extrem grob. Doch das alles ist von Spielberg so intendiert gewesen (mehr dazu im Kapitel zur Bildqualität der UHD Blu-ray). Und man muss der BD für ihr frühes Erscheinen im Jahre 2010 attestieren, dass sie den Look gut getroffen hat – ob man’s mag oder nicht.

Die alte (und weiterhin aktuelle) Blu-ray von Minority Report kommt mit einem deutschen DTS-Ton sowie verlustfrei komprimiertem DTS-HD-Master-Sound. Qualitativ unterscheiden sich beide allerdings weder hör- noch spürbar und legen einen sensationelle Performance hin. Egal, ob es um die Dynamik auf dem Center oder die teils herzhaften Ausschläge des LFE handelt – hier geht’s beständig rund. Nimmt man die Impulswaffen bei 52’26 oder 52’36, so schieben diese ihre Energie unmittelbar in die Magengrube des Zuschauers. Die zahlreichen Wusch- und Surr-Geräusche der Roboter nach 54 Minuten versetzen uns mitten hinein, auf dass man selbst vor den Lasern in Deckung gehen möchte, und der abschließende Tiefbasseinsatz bei 54’22 lässt diese zweiminütige Sequenz zu einem echten akustischen Highlight werden. Auch der Score brandet immer wieder dynamisch auf, während als einziges Manko die bisweilen etwas anstrengende Synchro selbst angeführt wird, die schon mal etwas spitz klingt. Hier agiert der O-Ton angenehmer und homogener. Das allerdings ist Kritik auf hohem Niveau.
Bild- und Tonqualität UHD

Minority Report wurde mit Panavision-Kameras analog gedreht. Janusz Kaminski und Spielberg drehten auf Super 35 und gleichzeitig mit höher empfindlichem Filmmaterial (ASA 800 beim Kodak Vision 800T), um die gewünschte Körnung noch zu intensivieren (Quelle). Überdies wurde das abgedrehte Material im Bleach-Bypass-Verfahren entwickelt. Hierbei wird der Vorgang des Bleichens teilweise oder sogar komplett ausgelassen/umgangen. Dadurch wird das schwarze Silber nicht in Silberbromid umgewandelt und bleibt zusammen mit den Farbstoffen in der Emulsion enthalten. Man legt quasi ein Schwarz-Weiß-Bild direkt über das Farbbild. Dadurch erhält das Bild weniger Sättigung und Belichtungsumfang sowie einen erhöhten Kontrast und mehr Körnigkeit. Außerdem entschieden sich beide bewusst gegen ein Digital Intermediate und für einen fotochemischen Prozess, da sie mit dem digitalen Prozess zu diesem Zeitpunkt noch nicht zufrieden waren. Was das Bleach-Bypass-Verfahren angeht, so gibt’s tatsächlich eine Ausnahme. Denn die Szene, in der Anderton vom Kidnapping seines Sohnes am Pool träumt, ist die einzige, die regulär entwickelt wurde (was man anhand der wesentlich prägnanteren Farben auch sofort erkennen kann). In der Praxis gibt’s zwei positive und einen negativen Aspekt, wenn man den direkten Vergleich mit der Blu-ray zieht. Fangen wir mit dem Negativen an: Gegenüber der Blu-ray, die in einigen Sequenzen sehr deutlich körnig ist (was auch am oben genannten Effekt durch das empfindliche Filmmaterial liegt), hat man bei der 4K-Disk sichtbares Rauschmanagement betrieben – und zwar nicht nur in den analog gedrehten Szenen, sondern auch während der CGI-Momente, die zwar fotochemisch entwickelt wurden, aber auch schon auf der Blu-ray weniger Korn zeigten. Über die UHD-BD ist bspw. während der “Autobahn”-Sequenz quasi kein Filmkorn mehr zu sehen. Sie wirkt dadurch ziemlich glatt und legt die computergenerierten Effekte noch schonungsloser offen (wenngleich diese Szene aus heutiger Sicht ohnehin wirklich gruselig aussieht). Trotz dieses Rauschmanagements wirkt die 4K-Disk zu keiner Zeit künstlich oder wachsig. Was man hier auch immer gemacht hat, es hat den Filmlook nicht zerstört, obwohl es mitunter (im Vergleich) sehr deutlich ist – wie bspw. nach 42’52 oder 95’40 Minuten. In eben jener Szene wird aber eine der positiven Eigenschaften der 4K-Scheibe deutlich: die bessere Auflösung. Schaut man sich das Eiscreme-Logo an, so erkennt man da plötzlich eine Schrift, die zuvor schlicht verborgen war. Auch feine Details an Häuserfassaden kommen detaillierter rüber. Der zweite, deutlich sichtbare Vorteil ist eine bessere Durchzeichnung auf den hellen Oberflächen, die über die Blu-ray noch komplett überstrahlt waren. Um Bedenken zu zerstreuen: Das geht nicht so weit, dass der eigentliche Look des Films verloren geht. Es gibt immer noch sehr steile Kontraste, es gibt immer noch sehr helle Oberflächen, die überstrahlen. Die Sequenz im Einkaufszentrum wirkt bspw. immer noch traumartig und die hellen Elemente überstrahlen auch Gesichter oder Objekte – eben so, wie Spielberg es wollte. Doch gerade Momente wie die Struktur am Gebäude nach 21’15 oder der Himmel im Hintergrund haben nun Zeichnung, was dem Filmgenuss an der Stelle guttut. Ebenfalls sind Lichtreflexionen auf Gesichtern nun etwas harmonischer, offenbaren dort Struktur, die zuvor nicht zu sehen war. Eine leichte Änderung erfährt das Grading, das nun szenenabhängig etwas anders aussieht. In vielen Sequenzen wurde ihm mehr Wärme zuteil. Die grünen Pflanzen nach 59’50 sind satter und in der Augenverpflanzungshöhle von Dr. Eddie reduziert sich das Gelbliche und nimmt einen eher bronzefarbenen Look an. Am “kritischsten” sind die Szenen während und nach dem Fight in der Fahrzeugfabrik. Dort geht es vom kühl-neutralen Look der Blu-ray in ein sichtbares Cyan – das wird nicht jedem gefallen. Ob man hier von Revisionismus sprechen mag, möchte ich nicht beurteilen, da der generelle optische Stil des Films erhalten bleibt. Aber gerade eine Veränderung ins Cyan wird von vielen mit kritischem Auge betrachtet.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): … wurden etwas harmonisiert. Der generelle Look bleibt aber erhalten.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links):


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): Das sieht man, wenn man den Screenshot in voller Auflösung vergleicht.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): … werden auch über die 4K-Disk nicht schärfer.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): … wird sehr deutlich ins Cyan gezogen.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): Man achte auf die Diagonalstreifen in seiner Krawatte.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): Sie wirkt fast wie eine andere Blüte. Auch das Grün kommt kräftiger rüber.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): … etwas ins Grüne.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): … verlieren ihren Gelbanteil und gehen jetzt ins satt Sepia- bis Bronzefarbene.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links):


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): Die Rottöne haben sich sehr deutlich verändert, während die Hautfarben fast gleich bleiben.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links):


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): Die UHD Blu-ray zieht hier schon sehr viel Körnung raus. Deutlich mehr als in den anderen Sequenzen des Films. Wer sich diese beiden Bilder mal in voller Auflösung in ein neues Tab legt, wird sehen, dass die 4K-Disk doch sehr glatte Oberflächen aufweist.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): Trotz des Grain-Managements holt sie mehr Details aus dem Bild. “Vermont’s Finest” ist über die Blu-ray kaum zu lesen. Und Artefakte erzeugt die 4K-Disk nach dieser Bearbeitung nicht.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): … ist von der Filmkörnung allerdings kaum noch etwas vorhanden.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links): Es weicht einem eher kupferfarbenen Ton.


UHD HDR10 (Slider ganz nach links):

Akustisch verändert sich beim O-Ton nichts. Die 4K-Disk von Minority Report bleibt beim (identischen) DTS-HD-Master-Sound. Der deutsche Ton jedoch erfuhr eine neue Kodierung in Dolby Digital, liegt nun also nicht mehr in DTS vor. Anhand der Dialoge lässt sich schnell klären, dass die DD-Fassung drei dB leiser eingepegelt ist, was durch eine Anhebung zunächst einmal eine Neutralisierung der Lautstärke für die Stimmwiedergabe bedeutet. Die spannende Frage ist nun natürlich, ob insgesamt auch die Dynamik reduziert oder “nur” die Lautstärke etwas geringer gesetzt wurde. Und tatsächlich (und glücklicherweise) muss man nicht mit einer in der Dynamik nachträglich beschränkten Fassung leben. Nach dem Angleichen der Lautstärke weist die DD-Version praktisch die gleiche Dynamik und Lautstärkespreizung auf wie die alte DTS-Fassung. Das bestätigt auch der Messschrieb, der unten zu sehen ist. Man kann und darf Minority Report also auch über die UHD Blu-ray genießen, wenn man nicht im unverändert sehr guten Originalton, sondern in der Synchro schauen möchte. Die Schüsse aus den Impulswaffen zeigen bspw., dass Dolby-Digital-Kodierungen nicht im Ansatz hinter verlustfrei komprimierten Tonspuren zurückstehen müssen, wenn sie famos gut abgemischt sind.




- Film
Bonusmaterial
Die 4K-Disk hat keinen Zugang zu Extras, sodass man mit den altbekannten von der Blu-ray vorliebnehmen muss. Dort findet sich der “interaktive Guide”, der rund 34 Minuten an Interviews mit Spielberg bereithält, die wiederum mit weiterführenden Extras gespickt sind, die man von dort aus erreicht. Diverse weitere Featurettes jüngeren und älteren Datums (Archives) lassen sich über das Extra-Menü erreichen. So gibt’s hier mehr über den Autoren der Vorlage, Philip K. Dick, zu erfahren, von dem seine Tochter erzählt. Außerdem bekommen wir Einblicke in die Arbeit an den Props/Requisiten des Films. Ein insgesamt ziemlich umfassender Bonusbereich, der sich deutsch untertiteln lässt.
Fazit
Spielbergs Minority Report bleibt ein faszinierendes Dokument seiner Zeit. Er hat Philip K. Dicks bittere und ziemlich paranoide Pille mit einer dicken Schicht Hollywood-Optimismus überzogen, was den Film zwar massentauglich und sehr unterhaltsam, aber philosophisch weniger radikal macht. Während die Action-CGI in den rasanten Sequenzen heute wie ein Relikt aus einer digitalen Steinzeit wirkt, bleibt das handfeste Produktionsdesign und Kaminskis aggressive Bildsprache absolut zeitlos. Letztere wird von der UHD Blu-ray nun etwas besser durchzeichnet, schärfer, aber auch mit teils verändertem Color Grading sowie sichtbarem Grain-Management wiedergegeben. Ich tat mich mit der Prozentbewertung dieses Mal schwer. Während international gelubhuldigt wird, ist mir das Ergebnis teils zu sehr gemanagt worden. Wer’s subjektiv besser findet, addiere 5 Prozent hinzu und landet bei 80 Prozent. Ob das jetzt schon Revisionismus in Sachen optische Veränderungen ist? Lasst die Diskussion in den Kommentaren beginnen. Entwarnung beim Ton: Die deutsche Dolby-Digital-Fassung bleibt bis auf einen geringeren Pegel identisch zur alten DTS-Variante.
Timo Wolters
Bewertung
Bildqualität BD: 75%
Bildqualität UHD: 75%
Tonqualität BD (dt. Fassung): 85%
Tonqualität UHD (dt. Fassung): 85%
Tonqualität BD/UHD (Originalversion): 90%
Bonusmaterial: 90%
Film: 80%
Anbieter: 20th Century Studios
Land/Jahr: USA 2002
Regie: Steven Spielberg
Darsteller: Tom Cruise, Colin Farrell, Samantha Morton, Patrick Kilpatrick, Peter Stormare, Max von Sydow
Tonformate BD: dts-HD-Master 5.1: en // DTS 5.1: de
Tonformate UHD: dts-HD-Master 5.1: en // Dolby Digital 5.1: de
Untertitel: de, en
Bildformat: 2,39:1
Laufzeit: 145
Codec BD: AVC
Codec UHD: HEVC
Disk-Kapazität: BD-100
Real 4K: Ja (4K DI)
High Dynamic Range: HDR10, Dolby Vision
Maximale Lichtstärke:
FSK: 12
(Copyright der Cover, Szenenbilder und vergleichenden Screenshots liegt bei Anbieter: 20th Century Studios)
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So testet Blu-ray-rezensionen.net
Die Grundlage für die Bild- und Tonbewertung von Blu-rays und Ultra-HD-Blu-rays bildet sich aus der jahrelangen Expertise im Bereich von Rezensionen zu DVDs, Blu-rays und Ultra-HD-Blu-rays sowie Tests im Bereich der Hardware von Unterhaltungselektronik-Komponenten. Gut zehn Jahre lang beschäftigte ich mich professionell mit den technischen Aspekten von Heimkino-Projektoren, Blu-ray-Playern und TVs als Redakteur für die Magazine HEIMKINO, HIFI TEST TV VIDEO, PLAYER oder BLU-RAY-WELT. Während dieser Zeit partizipierte ich an Lehrgängen zum Thema professionelle Bildkalibrierung mit Color Facts und erlangte ein Zertifikat in ISF-Kalibrierung. Wer mehr über meinen Werdegang lesen möchte, kann dies hier tun —> Klick.
Die technische Expertise ist aber lediglich eine Seite der Medaille. Um stets auf der Basis von aktuellem technischen Wiedergabegerät zu bleiben, wird das Testequipment regelmäßig auf dem aktuellen Stand gehalten – sowohl in puncto Hardware (also der Neuanschaffung von TV-Displays, Playern oder Ähnlichem, wenn es der technische Fortschritt verlangt) als auch in puncto Firmware-Updates. Dazu werden die Tests stets im komplett verdunkelbaren, dedizierten Heimkino angefertigt. Den Aufbau des Heimkinos könnt ihr hier nachlesen —> Klick.
Dort findet ihr auch das aktuelle Referenzgerät für die Bewertung der Tonqualität, das aus folgenden Geräten besteht:
- Mainspeaker: 2 x Canton Reference 5.2 DC
- Center: Canton Vento 858.2
- Surroundspeaker: 2 x Canton Vento 890.2 DC
- Subwoofer: 2 x Canton Sub 12 R
- Heights: 4 x Canton Plus X.3
- AV-Receiver: Denon AVR-X4500H
- AV-Receiver: Pioneer SC-LX59
- Mini-DSP 2x4HD Boxed
Das Referenz-Equipment fürs Bild findet ihr wiederum hier aufgelistet. Dort steht auch, wie die Bildgeräte auf Norm kalibriert wurden. Denn selbstverständlich finden die Bildbewertungen ausschließlich mit möglichst perfekt kalibriertem Gerät statt, um den Eindruck nicht durch falsche Farbtemperaturen, -intensitäten oder irrigerweise aktivierte Bild”verbesserer” zu verfälschen.
- Panasonic DP-UB9004
- Panasonic DP-UB824EGK
- LG 65G39LA
- Apple 4K TV
- Epson EH-TW9400
- HDMI-Kabel: Audioquest Forest-Serie