Netflix Review

OT: Texas Chainsaw Massacre
50 Jahre später
Ein spätes Sequel zum Original Blutgericht in Texas von Tobe Hooper erblickt das Licht der Netflix-Welt.
Inhalt

Dante und seine Freundin Ruth machen sich mit Melody und Lila in die texanische Einöde, um dort die erworbenen Grundstücke der Geisterstadt Harlow meistbietend an junge und abenteuerlustige Millennials zu verkaufen. Doch was sich so gut anhört, wird bald zum Alptraum. Nicht nur ist ein Haus der Stadt noch bezogen, stirbt die ältere Bewohnerin nach einem Schwächeanfall. Das Problem dabei: Die Dame war nicht irgendeine Bewohnerin, sondern die Mutter von Leatherface. Jenem Killer, der vor 50 Jahren ein berüchtigtes Massaker an jungen Erwachsenen begangen hatte. Und Leatherface ist ziemlich sauer darüber, nun als Vollwaise dazustehen. Obwohl, so ganz alleine ist er nicht. Sein Freund, die Kettensäge steht ihm bei …

Fünf weitere Sequels hatte man nach dem Prequel Leatherface angedacht – in Abhängigkeit vom Erfolg des vor dem Originalfilm spielenden Streifens. Doch es kam anders. Der Erfolg fiel geringer aus als erhofft und zum Ende des Jahres liefen bei Lionsgate und Millennium Films die Rechte am Franchise aus. Im Laufe des Jahres 2018 erwarb dann Legendary die Rechte und hatte zügig vor, das Franchise neu zu beleben Als Produzenten holte man sich keinen Geringeren als Fede Alvarez ins Boot. Der aus Uruguay stammende Regisseur hatte mit Evil Dead, seinem Remake von Sam Raimis Tanz der Teufel, gezeigt, dass er hartes und äußerst blutiges Genrekino beherrscht und mit Don’t Breathe gleich einen kleinen Kultfilm mit originärer Story nachgelegt. Und als Alvarez verkündete, dass es wirklich zünftig zugehen solle, im neuen TCM-Film, horchten Fans auf. Verstärkung holte er sich dann mit dem Regie-Duo Ryan und Andy Tohill, die zuvor The Dig inszeniert hatten. Alvarez hielt das Duo für genau richtig und sagte, dass “die Vision der beiden genau das ist, was die Fans wollen. Sie ist gewalttätig, aufregend und so verdorben, dass sie sich für immer ins Gedächtnis einbrennen wird” (Quelle). Gemeinsam schlug man einen ähnlichen Weg ein wie Blumhouse mit den neuen Halloween-Filmen. Entsprechend sollte Texas Chainsaw Massacre 2022 als direktes Sequel zum Original-Film von Tobe Hooper fungieren und einen ungefähr 60 Jahre alten Leatherface präsentieren.

Was so harmonisch begann, endete kurz nach Beginn der Dreharbeiten im August 2020 für die Tohills. Alvarez und das Studio sahen sich unbefriedigt in dem, was man bis dato gefilmt hatte und setzte das Regie-Duo vor die Tür. Ersatz musste her und wurde in David Blue Garcia gefunden. Garcia hatte 2018 sein Langfilmdebüt mit dem kruden Drogenschmugglerfilm Tejano gegeben und sich zuvor vor allem mit Werbe-Clips einen Namen gemacht. Garcia, der das Original als Teenager sah und ihn vor Angst direkt wieder ausschaltete, durfte von vorne beginnen. Denn das bis dato gedrehte Material ging den Weg in die Ablage P. Mit dem nun fertigen Material zeigte sich aber Alvarez sehr zufrieden und garantierte den Fans ein echtes Schlachtfest. Und das wurde im August 2021 von Netflix gekauft, bzw. erwarb der Streaminganbieter die Veröffentlichungsrechte für Texas Chainsaw Massacre. Auf eine Kinoauswertung sollte man demnach nicht mehr hoffen. In Sachen Gewaltlevel vielleicht gar nicht mal so schlecht, denn die Netflix-eigenen Altersfreigaben (bei Netflix-Titeln kommt nicht die FSK zum Einsatz) sind insgesamt durchaus etwas laxer. So kommt’s, dass der Film ungeschnitten auf dem Streamingportal läuft und dort die Pracht seiner praktischen Masken voll zur Entfaltung bringen kann. Und sie entfalten sich durchaus drastisch.

“Bei Sichtkontakt ausrotten” – Texas heißt die jungen Großstadt-Yuppies an der (wunderbar klischeehaften) Tankstelle auf die ebenso klischeehafte Weise willkommen, wie man es von solchen Filmen kennt. Die Gruppe junger Erwachsener fährt einen Tesla (die Fahrt durch die texanische Einöde sollte gut geplant sein), gibt sich modern und wird (kaum von der Tanke losgefahren) von eben jenem Typen überholt, der sie dort so herzlich empfangen hatte. Eingetaucht in eine gigantische Dieselwolke aus dem Pick-up vergeht dem Quartett fast die Lust auf ihren Trip.
Ja, Texas Chainsaw Massacre beginnt voller Stereotypen, schafft es allerdings, diese eher als Zitat und mit einem Augenzwinkern einzusetzen, als ihnen zum Opfer zu fallen. Und es dauert ohnehin keine 20 Minuten, bevor unser zwar älterer, aber immer noch brutaler Killer das erste Mal zeigt, dass er noch keinen Deut harmloser geworden ist. Wobei der Film das zunächst geschickt macht, wenn er ihn als sorgenden Sohn darstellt – freilich ohne sein Gesicht zu offenbaren. Dass es nicht lange dauert, bevor er sein Antlitz mit einer Ledermaske überzieht, dürfte klar sein. Und die Szene im Van der Polizei geht schon alles andere als zimperlich mit offenen Knochenbrüchen und Eintrittswunden um. Was auch klarmacht, dass die Wahl des Regisseurs offensichtlich Sinn gemacht hat. Denn dass Alvarez mit seiner Gewaltdarstellung am Ende zufrieden war, kann man nachvollziehen. Und dass die FSK hier (im Gegensatz zur Netflix-eigenen Freigabe) wohl nicht so tatenlos zugesehen hätte, dürfte spätestens nach 44 Minuten auch klar sein. Meine Fresse, dieser Film ist wirklich nichts für Zartbesaitete. Texas Chainsaw Massacre ist aber nicht nur der typische Teenager-Slasher, sondern zieht die Verbindung zum Originalfilm, indem er ein Rachemotiv einflechtet. Denn nicht nur Leatherface hat überlebt, sondern auch Sally Hardesty.

Und die wartet seit 50 Jahren darauf, dass sie für die Taten an ihr und ihren Freunden Vergeltung üben kann. Entschlossen und abgebrüht wie Laurie Strode sind die Parallelen zu Halloween gar nicht mal so weit hergeholt. Und dem Kettensägen-Killer wird dadurch so etwas wie eine ebenbürtige Gegnerin gegenüber gestellt – abseits von den kreischenden Teenies. Ebenfalls für Abwechslung vom Einerlei der bisherigen TCM-Filme sorgt die Tatsache, dass der anfänglich so gescholtene und stereotyp dargestellte Redneck mit Diesel-Pick-up ganz anders ist als man zunächst vermuten könnte. Die später integrierten Kommentare auf die Sensationslust der sozialen Netzwerke hätte man sich sicher sparen können, wenngleich es der bis dato umfassendsten Slasherei des Ledergesichts Platz macht und dann ohnehin keine Fragen mehr offen bleiben. Kein Wunder, dass Kameramann Ricardo Diaz die Busszene als seinen Favorit bezeichnet. Mein Favorit ist die finale Szene, die nicht nur ein Feature des Elektrofahrzeugs als nicht immer hilfreich offenbart, sondern auch ziemlich konsequent-fies gerät.
Ärgerlich (und das nicht zum ersten Mal in einem solchen Film) ist die Tatsache, dass erneut nicht kurzer Prozess gemacht wird, wenn die Möglichkeit dazu besteht. Dass Drehbücher solche Situationen aber auch immer konstruieren müssen, damit man sich drüber ärgert.
Bild- und Tonqualität

Texas Chainsaw Massacre spielt zwar Jahrzehnte nach dem Originalfilm, doch es war den Machern äußerst wichtig, den Original Grindhouse-Look zu zitieren. Entsprechend setzte man Vintage-Objektive ein, die eine ganz bestimmte Atmosphäre erzeugen. Außerdem erzählt der Film auch in seiner Farbgestaltung eine Geschichte. Die Filterung wurde so gesetzt, dass man die flirrende und feucht-schwüle Hitze von Texas fast physisch spüren kann – und das, obwohl man in Bulgarien drehte. Gedreht wurde mit einer ARRI Alexa Mini, die in 3.4K aufzeichnet. Es ist auszugehen davon, dass ein 4K-DI zum Einsatz kam, da die Close-ups wirklich scharf sind. Allerdings (danke an Hans-ingo für den Hinweis) strahlt Netflix nur in 1080p Dolby Vision aus, nicht in 4K. Abgelenkt wird man durch die deutliche Körnung, die man dem Bild zufügte, um den oben beschriebenen Look zu erzeugen. Gerade vor den hellen Himmelsgründen wird das deutlich sichtbar und lässt den Film schön zeitgenössisch schmuddelig wirken. Die Farbgebung ist in genau dem Maße warm und schwül-hitzig, wie man es von dem Film erwarten würde und wie es einfach perfekt passt. Die dunklen Szenen sind allerdings trotz Dolby Vision sehr dunkel geraten, was schon mal Details etwas absaufen lässt. Passt natürlich zum Thema, dass die Dunkelheit intensiv dargestellt wird, um Spannung zu erzeugen.

Wie üblich bei Netflix kommt Texas Chainsaw Massacre mit deutschem Dolby Digital Plus und Dolby Atmos fürs Englische. Und man hat schon schwächere Tonspuren beim Streaminganbieter gehört. Vor allem die Räumlichkeit gefällt, wenn nach knapp 19 Minuten der Van ins Feld rast und das Gemüse um den Zuschauer herum fetzt. Auch das Flirren der Insekten kurz darauf wird sehr effektvoll wiedergegeben. Wenn der Van allerdings in den Mähdrescher donnert, hätte es etwas mehr Bums haben dürfen. Das wiederum bekommen wir in einer eher ungewöhnlichen Art als dynamischen Surroundeffekt nach 34 Minuten, wenn Dante ein Geräusch hinter sich vernimmt. Die Front dürfte zwar insgesamt etwas dynamischer agieren und die deutschen Dialoge sind hier und da etwas leise, aber insgesamt passt die Tonspur gut zum Geschehen und ist vor allem sehr räumlich. Der englische Atmos-Sound unterscheidet sich auf der regulären Ebene erst einmal nicht, erhält über die Zusatz-Höhenspeaker aber die Möglichkeit, die Räumlichkeit noch weiter zu maximieren. Tut sie nur nicht. Selbst dann nicht, wenn Leatherface mit der Kettensäge von oben durch die Bretter auf die Kamera zu bohrt. Man hört nur ein leises, aber beständiges säuseln aus den Heights Entweder ist hier etwas im Mastering schiefgegangen oder bei Netflix in der Umlegung oder sie ist wirklich so unterbelegt. Wenn das jemand anderweitig bei sich erfährt (bitte Höhen-Ebene mal isoliert laufen lassen), möge er sich gerne bei mir melden. Aber für den Moment ist das für die Höhen-Ebene ein Nullsummenspiel.
Fazit
Texas Chainsaw Massacre atmet den Geist des Originals, ist um Längen besser als Leatherface und ein (fast) so gutes Sequel wie Halloween 2018. Die Atmosphäre passt, die Kills sind uncut-deftig und selbst Spannung kommt öfter auf als man das von ähnlichen Fortsetzungen (vor allem innerhalb des Franchise) gewohnt ist. Da kann man über ein paar halbgare Social-Media-Kommentare und die (leider) nur rudimentär beleuchtete Hintergrundgeschichte zu Hauptdarstellerin Lila fast hinwegsehen. Bild und Ton passen zum Film und intensivieren die Stimmung zusätzlich.
Timo Wolters
Bewertung
Bildqualität: 80%
Tonqualität (dt. Fassung): 80%
Tonqualität 2D-Soundebene (Originalversion): 80%
Tonqualität 3D-Soundebene Quantität (Originalversion): 0%
Tonqualität 3D-Soundebene Qualität (Originalversion): 0%
Film: 75%
Anbieter: Netflix
Land/Jahr: USA 2021
Regie: David Blue Garcia
Darsteller: Sarah Yarkin, Mark Burnham, Elsie Fisher, Jacob Latimore, Moe Dunford, Olwen Fouéré, Alice Krige, Sam Douglas
Tonformate: Dolby Atmos (DD+-Kern): en // Dolby Digital Plus: de
Bildformat: 2,39:1
Laufzeit: 81
HDR: Dolby Vision in Full HD
Datenrate: 5.53 Mbps
Altersfreigabe: 18
(Copyright der Cover und Szenenbilder: ©2022 Legendary, Courtesy of Netflix)
Trailer zu Texas Chainsaw Massacre
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