Freies Land

Blu-ray Review

EuroVideo, 23.07.2020

OT: –

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Mord oder Landflucht?

Christian Alvart meldet sich mit einem kleinen Meisterwerk aus deutscher Produktion.

Inhalt

Der Name ist nicht wirklich Programm in dieser Unterbringung

Das Kennenlernen hätte angenehmer ausfallen dürfen. Als der in der BRD geborene Polizeiermittler Patrick im entlegenen Dorf Löwitz in Vorpommern-Greifswald auftaucht, ist sein Zimmer bereits vom Ost-Kollegen Markus belegt. Und der verpasst ihm, in der Annahme, einen Einbrecher auf frischer Tat in seinem Zimmer zu ertappen, direkt mal einen kräftigen Tritt in den Magen. Gemeinsam sollen die zwei Polizisten im Fall zweier verschwundener Mädchen ermitteln. Teenager, die zuletzt vor zwei Tagen gesehen wurden. Da sie im Dorf als „Flittchen“ angesehen werden und die trostlose Gegend ohnehin nichts zu bieten hat, nimmt man allgemein an, dass die beiden einfach die Kurve gekratzt haben, um ein besseres Leben zu finden. Doch gerade das laxe Umgehen der Dorfbewohner macht die beiden Ermittler misstrauisch. Als dann die Leichen der Mädchen auftauchen, melden sich plötzlich weitere junge Männer zu Wort, die ebenfalls ihre Freundinnen vermissen. Offenbar macht hier ein Serientäter die Gegend unsicher. Doch wirkliche Unterstützung finden Patrick und Markus deshalb immer noch nicht. Irgendeine Geheimniskrämerei geht hier vonstatten …

Die Mutter will wissen, was mit ihren Töchtern geschehen ist

Nicht nur ein Hauch von True Detective weht durch Christian Alvarts Freies Land. Und genau das macht den Unterschied zu dem Film, der als Vorlage Pate stand. Freies Land ist ein Remake des spanischen La Isla Minima, der vor knapp vier Jahren im Heimkino Premiere feierte und dessen Geschichte kurz nach dem Ende des Franco-Regimes spielte. Während in beiden Filmen die Stimmung eines Übergangs von einer Diktatur zu einer Demokratie als Hintergrund dient, sind die Bilder in Freies Land düsterer, grauer und fröstelnder. War es in La Isla Minima die flirrende Hitze, die eine einzigartige Atmosphäre schuf, ist es hier die eisige Kälte. Und die steht durchaus sinnbildlich auch für die Atmosphäre zwischen den Charakteren. Zwischen den beiden Ermittlern herrscht kühles Misstrauen und zwischen den Menschen der Umgebung und den Polizisten noch viel mehr. Und hier kommt die Stimmung zum Tragen, die auch die HBO-Krimiserie so einzigartig werden ließ. Alvart schöpft das aus. Er zeigt Bilder einer kargen Landschaft. Einer Gegend, die genau so leer scheint wie die Menschen, die in ihr leben. Die Wiedervereinigung ist zwar passiert, doch die Hoffnung ist weitgehend gewichen. Hier der Investor aus dem Westen, der eine Industriefirma „gesundschrumpfen“ will, dort die Mitarbeiter, die gegen die drohenden Lohnkürzungen protestieren.
Und mittendrin ein Ex-DDR-Polizist, dessen Zynismus beißend ist; der erst zuschlägt, bevor er Fragen stellt und der keiner fettigen Wurst auf dem Teller widerstehen kann. Gespielt mit fast dauerhaft flüsternd-heiserer Stimme vom physisch brutal präsenten Felix Kramer (Dogs of Berlin, Dark) spiegelt dessen Figur wider, welche Perspektivlosigkeit den Bewohnern der Umgebung innewohnt und was sie in den letzten Jahrzehnten sozialistischer Diktatur erlebt haben.

Man muss sich auch mal raufen können

Ihm gegenüber ist der schlankere und noch mit Idealismus an die Ermittlung gehende Patrick ein dynamischer Gegenpol. Ohne je den Fehler zu machen, in stupide West-Ost-Klischees abzudriften, sind es diese zwei Figuren, die sich trotz aller Gegensätze mit Respekt begegnen und aufkommende Vorurteile kurzerhand in einer Rauferei klären. Was nach Macho-Stereotyp klingt, gelingt innerhalb des Films erstaunlich unprätentiös. Es werden keine großen Worte verloren, am Ende ist die „Sache“ zwischen den beiden aber erledigt und klar.
Inhaltlich stolpert Freies Land im zweiten Drittel etwas über den für die Ermittlungen eigentlich unwichtigen Nebenplot, der das Geschehen etwas komplizierter macht als nötig. Allerdings gelingen Alvart auch dann noch eindringliche Szenen mit Figuren, die knorriger und wüster für eine deutsche Produktion kaum sein könnten. Auch hier wird deutlich, dass die Menschen in den verlassensten Ost-Gebieten in der direkten Zeit nach der Wende ohne festen Halt dastanden. Viele Freunde verließen die Gegend, wanderten in die Städte oder gleich in den Westen ab. Die alte politische Führung war weggebrochen, die neue wurde misstrauisch beäugt. Und so ist es kein Wunder, dass auch Markus irgendwann umweht wird von einem Stasi-Vorwurf. Eine zusätzliche Dynamik tut sich auf, die Freies Land am Ende kontrovers löst, die zwischendurch aber die Möglichkeit für eine stärkere Beschäftigung gegeben hätte. Gerade im Angesicht dessen, dass der Film (obwohl im Jahre 1992 spielend) auch in aktuell offene Wunden sticht. Denn auch 30 Jahre nach der offiziellen Wiedervereinigung tun sich weiterhin Gräben auf; ist weiterhin ein oftmals vorhandenes Gefühl des „Abgehängtseins“ zu spüren. Und wenn Freies Land eines schafft, dann diesen Zustand in trist-düstere und fesselnde Bilder zu verpacken, die umso eindringlicher durch den vorhandenen Score wirken. Die kongenial gewählte Musik ist für eine deutsche Produktion erstaunlich ungewöhnlich, trägt viel zur intensiven Stimmung bei und stimmt auch schon mal schamanenartige Klänge an – einzig, dass der Schamane dahinter keine guten Nachrichten parat hält.

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Bild- und Tonqualität

Ein Verdächtiger?

Um die Atmosphäre von Freies Land zu unterstützen, hat Alvart eine Menge Stilmittel genutzt. Über die deutliche Filterung in Richtung Braun-/Sepiatönen bis hin zu überkontrastierenden hellen Flächen und gewollten Unschärfen reicht die Palette. Viele Farben gibt’s hier nicht zu sehen. Meist ist das Geschehen graubraun. Hautfarben wirken etwas unterkühlt, was in Anbetracht der Jahreszeit kaum verwunderlich ist und gut passt. Schwarzwerte färben sich schon mal etwas bläulich ein. Die Schärfe geht in Ordnung, Kontraste sind meist von harscher Natur, die Flanken eher steil. Objektivbedingte Randunschärfen treten des Öfteren auf (17’00). Sauber und wirklich gut allerdings die Detaildarstellung des ultra schwierigen Bildes aus der Vogelperspektive bei 67’47. Ohne Unruhen oder Artefakte wiegt sich hier das Dünengras sanft im Wind.
Akustisch lockt die dts-HD-Master-Spur schon mal mit einer kompressionsfreien Kodierung. Das nutzt sie, um die Dialoge zentral in den Mittelpunkt zu stellen. Manchmal sind sie zwar etwas nuschelig, aber dafür kann die Blu-ray nichts. Das liegt dann doch eher an der Aussprache der unterkühlten Darsteller. Sehr räumlich stellt sich der beunruhigende Score dar, der die Surroundspeaker häufig nutzt, um seine Atmosphäre zu verbreiten. Naturgeräusche wie das Krächzen von Krähen gelingen authentisch und wenn mal ein Schuss fällt, durchbricht dieser die Stille mit entsprechend dynamischem Nachdruck (71’02).

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Bonusmaterial

Hier gibt’s leider nur den Trailer zu „entdecken“.

Fazit

Freies Land ist nicht einfach zu konsumieren und schon gar kein Gute-Laune-Film. Atmosphärisch gehört er aber zum Besten, was das deutsche Kino in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Dazu spielen die beiden Hauptdarsteller nahezu auf internationalem Niveau. Ein echtes Genre-Highlight aus deutscher Produktion.
Timo Wolters


Bewertung

Bildqualität: 70%
Tonqualität (dt. Fassung): 80%
Bonusmaterial: 5%
Film: 85%

Anbieter: EuroVideo
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Christian Alvart
Darsteller: Felix Kramer, Trystan Pütter, Nora Waldstätten, Ben Hartmann
Tonformate: dts HD-Master 5.1: de, en
Bildformat: 2,35:1
Laufzeit: 129
Codec: AVC
FSK: 16

(Copyright der Cover und Szenenbilder liegt bei Anbieter EuroVideo)

Trailer zu Freies Land

 

2 thoughts on “Freies Land

  1. Avatar Heimkineast

    Klingt interessant, werde die Scheibe mal auf die Liste setzen. Aber es ist schon sehr traurig, dass solche Ausnahmeproduktionen dann wieder den mieserablen Zustand des deutschen Films ins Rampenlicht stellen. Gute oder zumindest interessante Geschichten gäbe es zuhauf. Es fehlen mutige Produktionsgesellschaften, visionäre Regisseure und gute Schauspieler. Der Antikulturstaat BRDDR fordert offensichtlich Tribut.

  2. Avatar Ronny

    Viel falsch machen konnte Christian Alvart ja nicht. Hat er doch meistens Dialoge, Einstellungen, Szenen und sogar Bewegungen der Protagonisten 1:1 aus dem Original übernommen. Lediglich spielt das Geschehen in einer anderen Jahreszeit und der Mörder im deutschen Film fährt einen VW Golf statt einen Citroen. Und warum er nun ausgerechnet mit einer Sexszene vom Original abweicht, erschließt sich mir nicht. Bleibt die Witwe der beiden Opfer (Schwestern) im Original „unberührt“, muss sie im deutschen Plot ausgerechnet mit dem werdenden Vater im Bett landen. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen. Alles in allem hat das spanische Original schon alles richtig gemacht und hätte diesen deutschen Abklatsch nicht gebraucht.

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